Beichten auf den Champs-Élysées, junge Menschen auf dem Weg zum Glauben: Warum der Aufbruch in Frankreich auch der Schweiz Hoffnung machen darf – und uns unbequeme Fragen stellt.
Ein Priesterfreund schickt mir einen kurzen Film aufs Handy. Paris. Champs-Élysées. Vor einer Werbung für Macarons kniet eine junge Frau auf dem Pflaster. Ihr gegenüber sitzt ein Priester mit violetter Stola. Sie beichtet.
An dieser Adresse versteht man etwas vom schönen Schein. Hier soll möglichst alles glänzen. Und mitten darin kniet ein Mensch, der vor Gott nichts mehr aufpolieren muss. Keine perfekte Fassade. Kein Filter. Die eigene Wahrheit darf ans Licht – in der Hoffnung, dass sie auf Erbarmen trifft.
Das ist keine fromme Filmszene. Am Samstag, 26. September 2026, hörten Priester während des Besuchs von Papst Leo XIV. auf den Champs-Élysées Beichten. Einer von ihnen berichtete, er sei seit zweieinhalb bis drei Stunden daran. Menschen nahmen das Angebot an, mitten zwischen Geschäften und Terrassen.
So ein Bild lässt mich hoffen. In der Schweiz erlebe ich das kaum. In Međugorje gehört es zum Alltag: Menschen warten auf die Beichte, Priester hören zu, Versöhnung wird geschenkt. Umso schöner, das nun mitten in Paris zu sehen. «Aux Champs-Élysées» – da habe ich sofort Joe Dassin im Ohr. An eine Beichte denke ich bei diesem Lied eigentlich nicht. Und doch wird hier, zwischen all dem, was man kaufen kann, etwas geschenkt, das kein Geld der Welt bezahlen kann: Vergebung. Ein neuer Anfang. Offenbar hat die Sehnsucht nach Gott auch zwischen den Pariser Schaufenstern Platz.
Da wächst mehr als eine Taufstatistik
Die Zahlen haben inzwischen die Runde gemacht: Für Ostern 2026 meldete die französische Bischofskonferenz 13’234 Erwachsene zur Taufe, 28 Prozent mehr als im Vorjahr. Hinzu kamen über 8100 Jugendliche. Doch auch bereits Getaufte finden neu zum Glauben: 2025 empfingen in Frankreich über 11’000 Erwachsene die Firmung. Darunter sind viele, die als Kinder getauft wurden und später wieder einen Zugang zur Kirche gefunden haben.
Hinter solchen Zahlen stehen Gesichter. Im gestern, am 28. September 2026, veröffentlichten Interview mit Vatican News erzählt der 28-jährige Henry aus Metz, dass mehrere seiner Freunde sich auf die Taufe vorbereiten. Er beschreibt einen tiefen, lebendigen Glauben in seinem Umfeld. Das ist die Erfahrung eines jungen Mannes, keine Vermessung einer ganzen Generation. Aber genau so wird Aufbruch erfahrbar: wenn der Freund plötzlich nach der Taufe fragt. Wenn der Glaube im eigenen Bekanntenkreis wieder eine wirkliche Möglichkeit wird.
Dazu gehören Orte, an denen diese Suche eine Antwort findet. In Notre-Dame de Paris gibt es montags bis samstags täglich sechs Stunden Beichtgelegenheit. Sechs Stunden! Wer aus Međugorje kommt, könnte mit einem Augenzwinkern fragen, wer denn die zweite Schicht übernimmt. Aber im Ernst: Das ist eine ziemlich konkrete Willkommenskultur. Wer umkehren möchte, findet einen erreichbaren Priester. Beim Congrès Mission wiederum kommen Menschen zusammen, um zu beten, Erfahrungen auszutauschen und das Weitergeben des Glaubens zu lernen.
Auch unter jungen Männern, die den Weg zum Priestertum prüfen, gibt es ermutigende Zeichen. La Croix berichtete am 23. September 2026 von fast 170 jungen Männern, die in diesem Herbst das geistliche Vorbereitungsjahr vor dem Seminar begonnen haben. Zum dritten Mal in Folge ist diese Zahl gestiegen. Daraus werden nicht über Nacht ebenso viele Priester. Aber junge Menschen fragen wieder ernsthaft, ob Christus ihr ganzes Leben beanspruchen darf. Das lässt aufhorchen.
Ostertaufen in der Kathedrale Notre-Dame in Paris.
Die Sehnsucht lässt sich nicht wegmodernisieren
Mich berührt an den Beichtszenen etwas, das in keiner Statistik vollständig aufgeht. Wer beichtet, wagt einen Satz, den unsere Zeit nicht besonders gern hört: Auch ich brauche Umkehr.
Genau darum ging es am vergangenen Sonntag im Evangelium von den beiden Söhnen. Der eine sagt Nein zum Auftrag des Vaters, besinnt sich aber und geht schliesslich in den Weinberg. Der andere sagt Ja und geht nicht. Ein ausgesprochenes Nein muss also nicht das letzte Wort bleiben. Und ein frommes Ja ist noch lange kein gelebtes Ja. Es muss konkret werden: in dem, was ich heute tue, lasse, vergebe oder wiedergutmache. Umkehr heisst, Gott doch noch mit dem eigenen Leben zu antworten (vgl. Mt 21,28–32).
Wir sind hervorragend darin geworden, das Versagen anderer zu erklären. Für die eigenen Fehler steht meist schon ein mildernder Umstand bereit. Auch bei mir. Der Beichtstuhl ist da unangenehm unmodern: Ich kann meine Schuld nicht einfach beim Zeitgeist, bei meiner Erziehung oder beim schlecht gelaunten Mitmenschen deponieren. Ich darf sie vor Christus bringen.
Und dort geschieht mehr als eine freundliche Bestätigung. Im Sakrament der Versöhnung handelt Christus durch den Dienst des Priesters. Er vergibt und richtet auf. Gerade weil die Schuld ernst genommen wird, kann auch die Vergebung tief reichen. Barmherzigkeit braucht keinen schönen Schein. Sie erreicht den wirklichen Menschen.
Vielleicht liegt hier eine Herausforderung für unsere Pastoral: Haben wir manchmal so viel Angst davor, Menschen mit Umkehr zu überfordern, dass wir ihnen die Freude der Versöhnung vorenthalten? Wer nur hört, dass ohnehin alles in Ordnung sei, bleibt mit dem, was eben nicht in Ordnung ist, ziemlich allein.
Leo XIV. hat den französischen Bischöfen einen bemerkenswert einfachen Auftrag mitgegeben: «Jesus Christus bekannt zu machen und ihn lieben zu lassen – authentisch, leidenschaftlich, immer und immer wieder». Dazu gehören, wie er betont, fundierte Glaubensbildung und Gemeinschaften, in denen Nächstenliebe gelebt wird.
So einfach. Und so anspruchsvoll. Denn über kirchliche Themen kann ich lange sprechen, ohne je jemanden zu Jesus zu führen.
Papst Leo VXI.
Gut organisiert. Aber wofür?
Natürlich stellt sich die Frage: Was ist in Frankreich anders?
Die kirchliche Arbeit lebt dort weithin unmittelbarer von freiwilligen Gaben. Die französische Laizität hat andere Verhältnisse geschaffen als unsere Schweizer Kirchenfinanzierung. Auch Frankreich kennt dabei Ausnahmen, etwa im Elsass und im Département Moselle. In weiten Teilen der Schweiz liegen dagegen die pastorale Leitung und die Entscheidung über Kirchensteuermittel bei unterschiedlichen Instanzen: hier Bischöfe und die Verantwortlichen der Seelsorge, dort staatskirchenrechtliche Körperschaften. Das verlangt Abstimmung und kann bei unterschiedlichen Prioritäten zu Reibungen führen.
Eine arme Kirche ist nicht automatisch eine heilige Kirche. Aber eine wohlhabende Kirche muss sich sehr ernsthaft fragen, worauf sie noch vertraut. Geld kann der Seelsorge dienen. Es kann uns auch so bequem absichern, dass wir kaum noch merken, wie wenig wir mit Gott rechnen. Der Betrieb läuft ja. Die Löhne werden bezahlt. Die nächste Sitzung findet statt.
Jesus spricht vom bezahlten Knecht, dem an den Schafen nichts liegt und der sie im entscheidenden Augenblick im Stich lässt (vgl. Joh 10,12–13). Dieses Wort dürfen wir auch auf unsere Kirche anwenden. Ein gut ausgestatteter kirchlicher Apparat kann Menschen anziehen, die einen sicheren Arbeitsplatz suchen, ohne für Christus und die ihnen anvertrauten Menschen zu brennen. Auf dem Schiff Petri kann man sich offenbar auch einrichten, ohne sich noch besonders für seinen Auftrag zu interessieren.
Das Problem ist nicht, dass jemand einen Lohn erhält. Auch ein Priester muss leben. Das Problem beginnt dort, wo aus einer Berufung nur noch ein Beruf wird und die Sorge um die eigene Absicherung grösser ist als die Sorge um die Menschen. Der Hirt fragt: Was braucht der Mensch, der mir anvertraut ist? Der Mietling zuerst: Was gehört davon noch zu meinem Pflichtenheft?
Wo Geld diese Haltung ermöglicht und auf Dauer schützt, wird es geistlich gefährlich. Wir können dann sogar unseren Niedergang finanzieren, statt uns von ihm zur Umkehr rufen zu lassen. Gott fehlt es nicht an Kraft. Aber wir können uns gegen sein Wirken erstaunlich gut absichern.
Darum die unbequeme Frage: Wofür setzen wir die Mittel ein, die uns anvertraut sind?
Ich fürchte, eine Kirche kann ihren Betrieb noch erstaunlich lange aufrechterhalten, während ihr der Mut zur Verkündigung abhandenkommt. Der Sitzungskalender ist voll. Ob jemand neu beten lernt, steht auf einem anderen Blatt. Man kann selbst den Rückgang gewissenhaft protokollieren – und darüber vergessen, dass Christus uns Menschen anvertraut hat, denen wir ihn bekannt machen sollen.
Diese Frage trifft mich als Priester genauso. Bin ich erreichbar? Lade ich zur Beichte ein? Nehme ich mir Zeit für jemanden, der beim Glauben ganz von vorne anfangen muss? Oder wird ein suchender Mensch zur ungeplanten Unterbrechung meines gut organisierten kirchlichen Tages?
Ganz praktisch: Findet ein junger Mensch bei uns jemanden, der mit ihm die Bibel aufschlägt, seine Fragen ernst nimmt und ihm den Glauben erklärt? Gibt es verlässliche Beichtzeiten und Räume der Anbetung? Darf eine kleine Initiative beginnen, auch wenn sie noch nicht in jede Zuständigkeitsordnung passt? Und führt unser Gebet dazu, dass ein einsamer, kranker oder armer Mensch tatsächlich mehr Liebe erfährt?
Daran muss sich kirchliche Erneuerung bewähren.
Der Jura war noch nie eine Mauer für den Glauben
Der Blick in die Geschichte macht Mut. Geistliche Aufbrüche aus dem Gebiet des heutigen Frankreichs haben die heutige Schweiz mehrfach erreicht. Die Erneuerung von Cluny prägte Romainmôtier, Payerne und auch Basel. Die zisterziensische Reform aus Cîteaux fasste 1131 in Bonmont im Waadtland Fuss. Damals verliefen die Grenzen anders. Doch das Entscheidende bleibt: Was an einem Ort an geistlichem Leben wuchs, konnte andere Orte verwandeln.
Deshalb lohnt es sich, aufmerksam nach Frankreich zu schauen. Geistliche Entwicklungen bleiben nicht an einer Landesgrenze stehen. Was dort wächst, kann mit zeitlicher Verzögerung auch bei uns Wurzeln schlagen. Unsere Geschichte gibt uns Grund, darauf zu hoffen. Vielleicht werden wir eines Tages dankbar erkennen, dass in Frankreich schon etwas aufgebrochen ist, während wir hier noch vor allem den Niedergang wahrnahmen.
Wir dürfen uns also beschenken lassen. Wir müssen nicht jede gute Erfahrung zuerst selbst erfinden, damit sie in der Schweiz verwendet werden darf. Das Evangelium benötigt kein Herkunftssiegel «Swiss made».
Allerdings ist Gnade kein französisches Tiefdruckgebiet, das nach ein paar Tagen zuverlässig über den Jura zieht. Ein Aufbruch wird durch Menschen weitergetragen: durch ihr Gebet, ihre Freundschaften, ihre Treue und ihren Mut, etwas von dem zu leben, was sie empfangen haben.
Kleine Zellen. Grosse Hoffnung.
Machen wir uns nichts vor: In vielem liegt unsere Kirche in der Schweiz am Boden. Der Glaube trägt das Leben vieler Menschen nicht mehr, die Weitergabe an die nächste Generation ist brüchig geworden, und ein kirchlicher Betrieb allein kann diese Leere nicht füllen. Das lässt sich mit ein paar erfreulichen Zahlen nicht wegreden.
Und trotzdem gibt es an kleinen Orten lebendige Zellen. Hier eine Gruppe, die treu anbetet. Dort eine Familie, in der wieder gemeinsam gebetet wird. Menschen, die zur Beichte zurückfinden, den Glauben entdecken oder sich gegenseitig helfen, mit Christus zu leben. Solche kleinen Anfänge gibt es über die Schweiz verstreut. Sie machen noch keinen landesweiten Frühling. Aber sie schenken Hoffnung.
Gerade diese Zellen brauchen Raum, Ermutigung und geistliche Nahrung. Wir sollten sie nicht so lange in bestehende Abläufe einpassen, bis ihre Kraft verbraucht ist. Wer zu beten beginnt, braucht Menschen, die mitbeten. Wer Christus sucht, braucht jemanden, der ihn zu ihm führt. Und wer neu Feuer gefangen hat, braucht keinen kirchlichen Feuerlöscher.
Frankreich erinnert uns daran, dass wir den gegenwärtigen Zustand nicht für endgültig erklären müssen. Das gilt für ein Land ebenso wie für den Sohn im Evangelium: Das Nein muss nicht das letzte Wort behalten. Auch nach langer Entfernung ist Umkehr möglich. Auch dort, wo wir kaum noch etwas erwarten, kann Gott Herzen erreichen.
Unsere Hoffnung gründet letztlich in Christus. Er ist auferstanden. Er kann Menschen heute ebenso zu einem neuen Leben rufen wie damals. Diese Hoffnung beschönigt die Krise nicht. Sie gibt uns die Kraft, mitten darin treu zu bleiben: zu beten, die Sakramente zu leben, den Glauben weiterzugeben und Menschen zu lieben, auch wenn wir die Früchte noch nicht sehen.
Ja, Frankreich macht mir Hoffnung. Und ich wünsche mir, dass wir uns davon anstecken lassen. Dass wir die kleinen Anfänge bei uns hüten und selbst bereit werden für ein neues Ja. Für ein Ja, das am nächsten Morgen noch gilt und im Alltag Hände und Füsse bekommt.
Das Bild aus Paris bleibt: Ein Mensch kniet mitten vor den Schaufenstern. Dort, wo alles schön aussehen soll, darf er mit seiner Wahrheit vor Gott kommen.
Auch wir müssen vor Gott keine glänzende Fassade unserer Kirche aufrechterhalten. Wir dürfen ihm unsere Müdigkeit, unsere Schuld und unsere Sehnsucht bringen. Und wieder mit ihm anfangen.
Vielleicht beginnt der Aufbruch, auf den wir warten, genau dort, wo wir selbst auf die Knie gehen.
4 Kommentare
Dieser Beitrag hat mich zu Tränen gerührt..
Ich war vor einer Woche in Frankreich wo bei der Sonntagsmesse 3 junge Menschen getauft wurden.
Diesen Sommer hab ich meine Schwester verloren.,sie ist mit 49Jahren einem Krebsleiden erlegen.
Als Familie , Geschwister haben wir viel gebetet: den Rosenkranz jeden Tag, die hl.Messen aufgeopfert, Segnungen -und Heilungsgottesdienste besucht mit ihr und vieles mehr ganz im Glauben für ihre Heilung.
Den Rosenkranz haben auch die Kleinsten in unserer Familie innig und voller Hoffnung mitgebetet.
,,Wo zwei oder drei in deinem Namen versammelt sind…, Und wenn euer Glaube so gross ist wie ein Senfkorn… ,,
Diese Zusicherungen der hl.Schrift haben uns viel Hoffnung gegeben.
Doch die Hoffnung wurde enttäuscht und es schmerzt in der Seele ,Fragen kommen auf : wohin gehen jetzt all diese stammendeln innigen Kindergebete ,?Gott kann dies doch nicht ungerührt lassen?
Vielleicht sind sie zur Champs Elysee gegangen. Joe Dassin genau.
Dort werden die Sakramente neu entdeckt .In Frankreich .
Meine Schwester hat Frankreich geliebt.
Das Senfkorn ist aufgegangen.
Darum meine Tränen ,,es berührt mich , ergibt Sinn , tröstet , erfüllt mich mit Dankbarkeit .
Wir sind eine grosse Menschheitsfamilie. .
Der Geist weht , wo er will.
Übrigens : die Kirche am Sonntag in Frankreich : einfach , etwas überladen , von Freiwilligen gepflegt … doch sie lebt. .
Vreni Stadler
Liebe Frau Stadler
Herzlichen Dank für Ihr berührendes Zeugnis und für das Vertrauen, mit dem Sie auch Ihren Schmerz und Ihre Fragen mit uns teilen. Zum Tod Ihrer Schwester spreche ich Ihnen und Ihrer ganzen Familie mein herzliches Beileid aus.
Besonders nahe geht mir, wie auch die Kleinsten mitgebetet und mitgehofft haben. Warum die so sehr erbetene Heilung ausgeblieben ist, können wir nicht erklären. Diese Frage darf vor Gott stehen bleiben. Wir dürfen ihm auch unsere Enttäuschung und unsere Tränen bringen.
Zugleich dürfen wir darauf vertrauen, dass keines dieser Gebete bei Gott verloren ist. Dass Sie gerade in Frankreich, das Ihre Schwester so geliebt hat, etwas von neuer Hoffnung erfahren durften, berührt mich. Diesen Trost dürfen Sie dankbar annehmen, auch wenn nicht alle Fragen beantwortet sind.
Ihre verstorbene Schwester empfehle ich der barmherzigen Liebe Gottes. Ihnen und Ihrer Familie bin ich im Gebet verbunden. Möge Christus Sie in Ihrer Trauer tragen und Ihre Hoffnung auf die Auferstehung stärken.
Herzliche Grüsse und Gottes Segen
Don Philipp
Vielen Dank für diesen Beitrag. Er trifft einen Punkt, über den ich in letzter Zeit selbst viel nachgedacht und geschrieben habe: die Finanzierung unserer Kirche.
Gerade in der Schweiz können wir uns Strukturen leisten, die erstaunlich lange weiterfunktionieren, auch wenn immer weniger Menschen tatsächlich am kirchlichen Leben teilnehmen. Das ist einerseits ein Privileg – andererseits besteht die Gefahr, dass Geld genau die Krise verdeckt, die uns eigentlich zum Umdenken zwingen müsste.
Dabei entsteht manchmal der Eindruck, dass Glaube von professionellen kirchlichen Mitarbeitenden für die Gläubigen „produziert“ wird: Katechese, Liturgie, Pastoral, Gemeinschaft – für fast alles gibt es Stellen, Konzepte und Programme. Die Gläubigen werden dadurch leicht von Trägern des kirchlichen Lebens zu dessen Empfängern. Das ist keine Kritik an den vielen engagierten Menschen, die diese Arbeit leisten, sondern an einem System, das diese Mentalität begünstigen kann.
Für mich ist deshalb die entscheidende Frage nicht: Hat die Kirche genug Geld?, sondern: Was bewirkt das Geld, das wir haben? Dient es tatsächlich der Weitergabe des Glaubens, den Sakramenten, dem Gebet, der Evangelisierung und dem Aufbau lebendiger Gemeinschaften – oder vor allem dem Erhalt bestehender Strukturen?
Besonders angesprochen hat mich deshalb der Gedanke der «kleinen Zellen». Vielleicht beginnt Erneuerung tatsächlich dort: in Familien, die gemeinsam beten, in kleinen Gemeinschaften, in der Anbetung und Beichte, in Menschen, die ihren Glauben weitergeben und bereit sind, dafür auch persönlich Verantwortung zu übernehmen.
Vielleicht müssen wir uns in der Schweiz weniger fragen, wie wir unsere kirchlichen Strukturen erhalten können – und häufiger, wo tatsächlich geistliches Leben wächst und wie wir genau dieses unterstützen können.
Liebe Rebecca
Herzlichen Dank für deine Gedanken. Genau deshalb greife ich im Beitrag das Bild vom Hirten auf. Zugespitzt müssen wir uns auch als Hirten fragen: Liegt uns am Schaf selbst – oder mehr an seiner Wolle, seiner Milch und seinem Fleisch? Geht es uns um die Menschen und ihren Weg mit Christus oder um das, was unseren Betrieb erhält?
Wie entscheidend die kleinen Zellen sind, erlebe ich gerade auf unserer Familienwallfahrt in Međugorje. Wo Familien gemeinsam beten, den Glauben leben und einander tragen, wächst Kirche. Hier wird die Familie zur Hauskirche. Bei den Familien beginnt Erneuerung – und dafür sollten wir unsere Kräfte und Mittel einsetzen.
Herzliche Grüsse und Gottes Segen
Don Philipp