Der Chablais-Moment der Schweiz: Warum eine kleiner werdende Kirche nicht zuerst neue Strukturen, sondern neue Heilige braucht!

Mit Chablais-Moment meine ich jenen Augenblick, in dem die Kirche merkt: Die alte Selbstverständlichkeit trägt nicht mehr. Dann entscheidet sich, ob sie den Glaubensverlust nur verwaltet – oder neu missionarisch, eucharistisch und heilig wird.

Ein Heiliger vor unserer Haustür

Der heilige Franz von Sales – ein Schweizer Heiliger? Ja, nennen wir ihn ruhig so, wenn wir nicht zuerst mit dem Lineal moderner Staatsgrenzen messen, sondern mit dem Gedächtnis des Glaubens. In unserer Glaubenslandschaft wird er verehrt, und seine Sendung atmet diesen Raum zwischen Genfersee, Alpen, Genf, Wallis, Bern und Savoyen. Ein Grenzraum. Vielleicht sind gerade solche Grenzräume besonders geeignet, um zu zeigen, worum es in der Kirche wirklich geht.

Heiliger Franz von Sales mit Buch und Kreuz vor farbigem Hintergrund als Bild für Heiligkeit, Sanftmut und Mission.

Das Chablais war damals kein gemütliches katholisches Postkartenland. Er war ein verwundeter Raum. Ein Landstrich, in dem die katholische Kirche nicht mehr selbstverständlich war. Viele Herzen waren dem Glauben entfremdet, viele Türen verschlossen, viele Kirchen leerer, als man es sich aus einer sicheren Volkskirche heraus vorstellen möchte. Und mitten in diese Landschaft trat ein junger Priester, der tiefer sah als bis zur nächsten kirchlichen Notlösung. Er fragte nicht zuerst, welche Struktur man retten könne. Er fragte, wie Menschen wieder zu Christus finden.

Franz von Sales wartete nicht darauf, bis die Menschen irgendwann fromm genug wären, von selbst in die Kirche zurückzukehren. Er suchte sie dort auf, wo sich ihr Alltag, ihre Vorbehalte und ihre Verletzungen befanden. Das Wort Gottes fand seinen Weg über Schwellen, durch Gespräche, durch kleine Schriften, durch Geduld, durch eine Liebe, die sich nicht schnell beleidigen liess. Seine Sanftmut war keine religiöse Weichzeichnung. Sie hatte Muskeln. Sie konnte warten, ertragen, neu beginnen und dennoch die Wahrheit nicht preisgeben.

Vielleicht liegt gerade darin seine eigentliche Grösse: Er wollte Menschen gewinnen, nicht besiegen.

Die Schweiz hat ihren Chablais-Moment

Kommt uns das bekannt vor?

Auch bei uns stehen die Kirchtürme noch, aber sie tragen nicht mehr selbstverständlich das Herz des Dorfes. Auch bei uns gibt es Taufregister, Kirchensteuern, Gremien, Stellenprozente, Immobilien, Sitzungen und Pastoralräume. Das alles hat seinen Platz. Niemand, der ernsthaft Kirche liebt, verachtet gute Ordnung. Doch was geschieht, wenn die äussere Ordnung bleibt und das innere Feuer erlischt?

Vielleicht ist die grösste Gefahr der Kirche in der Schweiz nicht, dass sie zu wenig Geld hat. Vielleicht ist die grösste Gefahr, dass sie gelernt hat, den Glaubensverlust anständig zu verwalten.

Das ist die Bombe, die wir nicht entschärfen sollten.

Was nützt uns ein sauber geführtes System, wenn immer weniger Menschen wissen, warum sie am Sonntag vor dem Altar stehen sollen? Was nützt uns eine kirchliche Infrastruktur, wenn Christus darin immer leiser wird? Was nützt uns eine Kirche, die funktioniert, aber nicht mehr brennt?

Nicht zuerst neue Strukturen – neue Heilige

Franz von Sales zeigt uns etwas Unbequemes: Die Kirche wird nicht zuerst durch Strukturen erneuert. Sie wird durch Heilige erneuert. Aber damit sind nicht nur jene gemeint, die wir nach Jahrhunderten auf Altäre stellen und mit Kerzen umgeben. Gemeint sind Menschen aus Fleisch und Blut, die sich von Christus so tief ergreifen lassen, dass ihre Umgebung nicht mehr gleich bleiben kann.

Gerade Franz von Sales hat das wunderbar verstanden. Mit seiner Philothea, der Anleitung zum frommen Leben, gab er nicht nur Priestern und Ordensleuten einen geistlichen Weg in die Hand, sondern besonders Menschen mitten in der Welt. Heiligkeit ist nicht reserviert für Klostermauern. Sie gehört in Familien, Berufe, Küchen, Werkstätten, Spitäler, Schulzimmer, Parlamente, Strassen und Nachbarschaften. Sie gehört dorthin, wo der Mensch lebt, liebt, kämpft, fällt und wieder aufsteht.

Genau hier liegt der Chablais-Moment. Ein Mensch flüchtet sich nicht in eine fromme Sonderwelt. Er lässt Christus so tief in sein Leben hinein, dass Familie, Beruf, Dorf, Quartier und Pfarrei davon berührt werden. Die alte Volkskirche kehrt nicht zurück, nur weil wir sie vermissen. Aber eine kleinere, ärmere und verwundete Kirche kann wieder zu brennen beginnen, wenn sie sich nicht länger um sich selbst dreht, sondern ihre erste Berufung ernst nimmt: Heiligkeit.

Jesus sagt: „Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. Wie froh wäre ich, es würde schon brennen!“ (Lk 12,49)

Brennt es in uns? Oder haben wir uns längst an den Rauch gewöhnt?

Hand schiebt einen Brief unter eine alte Holztür als Hinweis auf die Schriften des heiligen Franz von Sales im Chablais.

Vom Altar ins Chablais

Eine Kirche wird nicht heiliger, weil sie sich mehr anstrengt. Sie wird heiliger, wenn sie sich tiefer von Christus formen lässt. Darum führt jeder echte Chablais-Moment früher oder später zum Altar. Dort steht die Kirche nicht vor einer blossen Idee, auch nicht vor einer frommen Erinnerung oder einem religiösen Zeichen, das wir nach Belieben deuten könnten. Dort empfängt sie den Herrn selbst. Der Leib Christi auf dem Altar baut den Leib Christi als Kirche auf.

Das Zweite Vatikanische Konzil nennt die Eucharistie die Quelle und den Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens. Genau darum kann eine missionarische Erneuerung nie zuerst aus Sitzungen, Konzepten oder Projekten kommen. Sie kommt vom Altar her – oder sie bleibt leer.

Vielleicht liegt hier eine der grossen Wunden unserer Zeit: Wir haben die Messe oft als heilige Insel verstanden, als frommen Unterbruch im Alltag. Doch die Eucharistie ist Quelle und Sendung zugleich. Am Ende der Messe wird die Kirche nicht einfach entlassen, als wäre nun alles vorbei. Sie wird gesandt. Wer den Leib Christi empfängt, soll selbst Christus in die Welt tragen: in die Familie, an den Arbeitsplatz, in die Nachbarschaft, in die müde und gottvergessene Schweiz.

Ein heutiger Chablais-Moment ohne Eucharistie wird schnell zum Pastoralprojekt. Vielleicht sogar zu einem gut gemeinten, sauber geplanten und sympathisch beworbenen Projekt. Aber ohne den Altar fehlt ihm das Herz. Dann bleibt Aktivität, wo eigentlich Anbetung das Herz entzünden müsste. Dann bleibt Methode, wo Christus selbst die Quelle sein will.

Das vergessene Konzil

Wir reden gern vom Geist des Konzils. Aber welcher Geist ist gemeint, wenn niemand mehr liest, was wirklich geschrieben wurde? Ein Geist, den jeder nach eigenem Geschmack beschwören kann, ist kein Heiliger Geist, sondern schnell nur ein kirchlicher Nebelwerfer.

Das Zweite Vatikanische Konzil hat mit gewaltiger Klarheit gesagt, dass alle Gläubigen zur Heiligkeit berufen sind. Nicht einige Spezialisten. Nicht nur Priester, Ordensleute oder geistliche Hochleistungssportler. Alle. „Das ist es, was Gott will: eure Heiligung.“ (1 Thess 4,3)

Wer kennt eigentlich Lumen gentium? Wer hat das Kapitel über den allgemeinen Ruf zur Heiligkeit gelesen? Und wer kennt Christifideles laici von Johannes Paul II., dieses grosse Schreiben über Berufung und Sendung der Laien in Kirche und Welt? Ist das nicht Grundlektüre für jeden Katholiken, der in dieser Zeit nicht bloss anwesend, sondern wach sein will?

Der Laie ist Getaufter, Gesalbter, Berufener, Gesandter. Kein religiöser Statist im kirchlichen Betrieb, kein Lückenfüller für Pfarreianlässe und auch kein frommer Zuschauer am Rand der Heilsgeschichte. Durch Taufe und Firmung hat Christus in ihm Wohnung genommen. Genau deshalb ist seine Sendung zu gross, um sie auf Sitzungen, Apéros und Helferlisten zu verkleinern. Christus sendet ihn mitten in die Welt: an den Familientisch, in die Ehe, an den Arbeitsplatz, in die Schule, in die Politik, in die Nachbarschaft, dorthin, wo Entscheidungen fallen, Kinder geprägt werden, Wunden verborgen bleiben und Menschen längst aufgehört haben, kirchliche Antworten zu erwarten. Dort beginnt Evangelisation. Nicht erst, wenn ein Mikrofon bereitsteht oder eine Kirchenpflege tagt. Sondern dort, wo ein Getaufter aufhört, Zuschauer zu sein.

Mann mit Rosenkranz und Schlüssel steht am Bahnhof und blickt auf einen Zug als Symbol christlicher Sendung im Alltag.

Wo ist dein Chablais?

Vielleicht beginnt der Chablais-Moment der Schweiz nicht mit einem neuen Papier, sondern mit einer alten Frage: Herr, was willst du von mir?

Wo ist der Ort, an den Christus dich sendet? In deine Familie? In deine Ehe? Zu deinen Kindern? An deinen Arbeitsplatz? In deine Pfarrei? Zu jenen Menschen, die längst ausgetreten sind, aber vielleicht nie wirklich Christus begegnet sind?

Die Schweiz braucht nicht zuerst eine Kirche, die den Rückgang professioneller verwaltet. Sie braucht Menschen, die wieder um Heiligkeit ringen. Menschen, die ihre Taufe ernst nehmen. Menschen, die nicht nur über Kirche sprechen, sondern Kirche sind: Leib Christi, genährt vom Altar und gesandt in eine müde Welt.

Der Chablais-Moment beginnt nicht irgendwo am Genfersee. Er beginnt dort, wo ein Katholik aufhört, Zuschauer zu sein.

Herr, mach uns heilig.
Nicht irgendwann.
Jetzt.

2 Responses

  1. Welch edle u wunderbar formulierte Wahrheit in diesem Blog:

    Genau darum kann eine missionarische Erneuerung nie zuerst aus Sitzungen, Konzepten oder Projekten kommen. Sie kommt vom Altar her – oder sie bleibt leer.

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