Warum die Kirche ihre Gaben neu entdecken muss

Wenn nur noch die Bezahlten schaufeln...

Vor dem Abgrund

Vor dem Abgrund ist nicht jeder Schritt nach vorn ein Fortschritt. Manchmal rettet nur der Schritt zurück – nicht in eine verklärte Vergangenheit, sondern zu dem, was Kirche seit Pfingsten ist: kein religiöser Dienstleistungsbetrieb, sondern der lebendige Leib Christi.

Im deutschsprachigen Raum zeigt sich eine Schieflage: Wer Kirche «macht», hat oft ein Pflichtenheft, Stellenprozente und eine Entschädigung. Wer keines hat, wird leicht zum Kunden kirchlicher Angebote. Die einen organisieren, die anderen melden sich an. Überspitzt, gewiss. Doch die Wahrheit darin sollten wir nicht überhören.

Wenn Berufung zur Stellenbeschreibung wird

Viele kirchliche Angestellte dienen mit grosser Treue weit über ihre bezahlte Zeit hinaus. Nicht der Lohn ist das Problem. Gute Arbeit verdient einen gerechten Lohn. Der Irrtum beginnt dort, wo Verantwortung mit Bezahlung verwechselt wird – als ob nur zuständig wäre, wer dafür angestellt ist.

Taufe und Firmung können nicht an ein Pastoralteam ausgelagert werden. Eine Kirche, in der Hauptamtliche handeln und die übrigen Getauften konsumieren, hat vergessen, was Kirche ist. Kirchliche Dienste sollen die Getauften nicht ersetzen, sondern sie für ihren Dienst rüsten (vgl. Eph 4,12). Der Leib Christi ist kein Unternehmen, dessen Sendung sich in Stellenplänen abbilden lässt. Kirche wird kraftlos, wenn Getaufte ihre Berufung abgeben.

Paulus kennt keine Zuschauer

Paulus kennt in der Kirche weder Publikum noch Kundschaft. Er kennt Glieder. Er spricht von verschiedenen Gnadengaben und dem einen Geist. Dann folgt der entscheidende Satz: «Jedem aber wird die Offenbarung des Geistes geschenkt, damit sie anderen nützt» (1 Kor 12,7).

Jedem – nicht nur Priestern, Angestellten oder besonders Frommen. Aber: damit sie anderen nützt. Ein Charisma ist kein geistlicher Schmuck und kein Instrument religiöser Selbstverwirklichung. Es ist Gnade für den anderen.

Johannes Paul II. erinnert daran, dass der Geist jeden Getauften beruft, «auf seine Weise aktiv und mitverantwortlich zu werden» (Christifideles laici 21). Darin liegt das vergessene Wir der Kirche: Nicht jeder muss alles tun, aber keiner ist überflüssig. Verschiedenheit wird nicht zum Durcheinander, wenn der eine Geist den einen Leib baut. Sein Ackerfeld reicht weit über die Pfarrei hinaus: in Ehe, Familie, Beruf und Nachbarschaft.

Apostel Paulus predigt einer Menschenmenge im antiken Athen.

Zuerst der Altar

Dieses Wir ist nicht das Ergebnis guter Teamarbeit. Die Kirche macht sich nicht selbst. Christus baut sie – in einzigartiger Weise in der Eucharistie.

Im Hochgebet bittet die Kirche zunächst um den Heiligen Geist über Brot und Wein. Nach der Wandlung folgt eine zweite Epiklese, diesmal über uns: «Schenke uns Anteil an Christi Leib und Blut und lass uns eins werden durch den Heiligen Geist.» Wir bitten nicht nur: Verwandle diese Gaben. Wir bitten ebenso ernst: Verwandle uns.

Hier liegt die Ordnung aller Charismen. Die Eucharistie bildet den Leib; die Charismen befähigen seine Glieder zum Dienst. Wer nur empfängt und nicht dient, staut die Gabe. Wer nur arbeitet und nicht empfängt, pumpt sich leer. Die Kirche lebt im Rhythmus des Herzens: empfangen und sich senden lassen.

Die Schaufel ist kein Zauberstab

Eine Schaufel ist weder Schmuckstück noch Zauberstab. Man bekommt sie, um harten Boden aufzubrechen. Aber sie bestimmt weder das Feld noch den Sinn der Arbeit.

Das Bild vom Werkzeug trägt, solange wir seine Grenze kennen. Charismen sind Werkzeuge – aber keine Techniken. Der Heilige Geist ist nicht verfügbar. Seine Gaben lassen sich weder herstellen noch auf Knopfdruck aktivieren. Auf diese Gefahr habe ich bereits in meinem Beitrag «Feuer prüfen – Encounter School of Ministry» hingewiesen: auf eine Aktivierungs- und Übertragungssprache, die in der von mir absolvierten Ausbildung den Eindruck methodischer Verfügbarkeit erwecken konnte.

Doch aus berechtigter Vorsicht darf keine fromme Ausrede werden, die Schaufel im Geräteraum stehen zu lassen. Dieselbe Kirche, die Charismen prüft, fordert uns auf, sie dankbar anzunehmen – ob aussergewöhnlich oder schlicht (vgl. Lumen gentium 12; KKK 799–801).

Eine Schaufel kann Boden öffnen; unbedacht eingesetzt, kann sie verletzen. Darum sind geistliche Begleitung, Unterscheidung und kirchliche Ordnung keine Bremsen des Heiligen Geistes. Sie helfen, dass eine Gabe wirklich aufbaut.

Gaben entdeckt man im Dienen

Wie entdeckt man sein Charisma? Nicht durch ständige Selbstbeobachtung, sondern indem man auf Gott hört und die Not des anderen wahrnimmt. Wo blühen Menschen auf, wenn ich diene? Wo wächst Frucht, die bleibt? Was bestätigen reife Christen?

Der Geist kann natürliche Talente aufnehmen und läutern; ein Charisma bleibt aber mehr als Begabung: Es ist Gabe für eine Sendung. Oft wirkt es unscheinbar – in Gastfreundschaft, Barmherzigkeit, Lehre, Zuhören, Fürbitte, Leitung, Organisation oder praktischer Hilfe. Vielleicht braucht eine Pfarrei nicht zuerst eine neue bezahlte Stelle, sondern einen Getauften, der sagt: Hier bin ich.

Diese Entdeckung ist ein Weg: Eucharistie, Schrift, Gebet, Beichte, geistliche Begleitung, konkreter Dienst und geduldige Prüfung. Eine Schaufel, die vollkommen sauber bleibt, hat ihren Auftrag vermutlich noch nicht erfüllt. Wer seine Gabe entdecken will, muss bereit sein, Erde unter die Fingernägel zu bekommen.

Ein Franziskaner mit Schaufel

Genau zu diesem Weg lädt Pater Paulus-Maria Tautz CFR ein. Im neuen Video steht er mit einer Schaufel in der Hand. Er erzählt, dass seine Gemeinschaft vor rund fünfzehn Jahren in einer tiefen Krise stand und durch die Entdeckung der Charismen einen Weg herausfand. Diese Erfahrung will er weitergeben: die Geschenke des Heiligen Geistes entdecken, prüfen und fruchtbar einsetzen, damit Menschen, Ehen, Pfarreien und Gemeinschaften aufblühen.

Seine Worte haben Gewicht, weil er Kirche nicht nur vom Schreibtisch her kennt. Als Franziskaner der Erneuerung wirkte er in der Bronx und in sozialen Brennpunkten, diente Menschen an den Rändern und engagiert sich in Mission, Glaubensbildung und Männerseelsorge.

Wir freuen uns sehr, ihn vom 20. bis 22. November 2026 im Hotel Allegro in Einsiedeln zu den Kurzexerzitien «Entdecke deine Charismen!» begrüssen zu dürfen. Der vergünstigte Spezialpreis für Kost und Logis gilt bei einer Anmeldung über das BLESS Missionswerk bis zum 18. September 2026.

Vielleicht beginnt die Erneuerung der Kirche nicht mit dem nächsten Konzept, sondern damit, dass ein Getaufter vor dem Altar kniet, sich verwandeln lässt – und danach die Schaufel in die Hand nimmt. Nicht, weil er dafür bezahlt wird. Sondern weil er gesandt ist.

Kurzexerzitien vom 20.-22.11.2026 – Freitagabend ca. 17 Uhr bis Sonntagmittag.

Bis zum 18.09.2026 beim BLESS Missionswerk anmelden und den Spezialpreis sichern!

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