Frankreich erlebt 2026 eine Taufwelle unter jungen Erwachsenen und Jugendlichen. Die Schweiz zeigt erste Regungen, aber noch keine eigentliche Wende. Was hier aufbricht, ist tiefer als ein religiöser Trend. Es ist Gnadenhunger.
Frankreich: Wenn der Taufbrunnen wieder rauscht
Wenn ich in diesen Tagen nach Frankreich blicke, dann höre ich nicht einfach ein kirchliches Statistikrascheln. Ich höre das Rauschen eines Taufbrunnens, der plötzlich wieder laut geworden ist. Für die Osternacht 2026 meldet die Kirche in Frankreich 13’234 Erwachsenentaufen. Dazu kommen mehr als 8’100 Taufen von Jugendlichen. In nur zehn Jahren hat sich die Zahl der Erwachsenentaufen mehr als verdreifacht: von 4’124 im Jahr 2016 auf 13’234 im Jahr 2026. Und besonders aufhorchen lässt: Die stärkste Gruppe unter den Erwachsenen sind die 18- bis 25-Jährigen mit 42 Prozent, dicht gefolgt von den 26- bis 40-Jährigen mit 40 Prozent.
Und die Schweiz? Hier klingt der Taufbrunnen noch deutlich leiser. Die katholische Kirchenstatistik weist für 2024 schweizweit 13’548 Taufen aus; zugleich zeigt sie, dass nur rund 2 Prozent davon Erwachsenentaufen sind. Das ist keine Welle. Das ist eher ein schmaler Riss im Eis. Dennoch: In der Suisse romande mehren sich die Zeichen. Die Verantwortlichen sprechen dort von einem starken Anstieg seit drei Jahren, von einer fast verdoppelten Zahl der Katechumenen und von einer sinkenden Altersgrenze. In Lausanne waren bei einem Appel décisif 61 Katechumenen, in Sitten 58; es gibt dort immer mehr junge Erwachsene zwischen 25 und 30 Jahren sowie Jugendliche. Auch bei uns bewegt sich also etwas. Aber Frankreich brennt bereits, während die Schweiz vielerorts noch am Räucherstäbchen ihrer Selbstberuhigung schnuppert.
Der verborgene Hunger der jungen Seele
Warum suchen plötzlich so viele junge Menschen den Weg zur Taufe? Die französische Erhebung unter 1’450 Katechumenen aus 60 Diözesen und mehr als 800 Neugetauften ist hier erstaunlich klar. 40 Prozent sagen, eine schwere Prüfung habe ihre Suche ausgelöst. 34 Prozent sprechen von Fragen nach dem christlichen Glauben. 32 Prozent berichten von einer starken geistlichen Erfahrung. 23 Prozent wurden durch die Schönheit eines heiligen Ortes berührt, 22 Prozent durch die Bibel, 19 Prozent durch das Zeugnis von Christen in ihrem Umfeld. Und bemerkenswert ist auch, was nach der Taufe geschieht: 90 Prozent der Neugetauften bleiben regelmässige Messbesucher; fast die Hälfte geht jeden Sonntag, weitere 17 Prozent sogar mehrmals pro Woche. Das ist keine religiöse Mode. Das ist Gnadenhunger.
Die Heilige Schrift kennt diesen Hunger längst. Der Psalmist sagt: „Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott. Wann darf ich kommen und Gottes Antlitz schauen?“ (Ps 42,3). Und Jeremia überliefert das Wort des Herrn: „Sucht ihr mich, so findet ihr mich. Wenn ihr von ganzem Herzen nach mir fragt“ (Jer 29,13). Vielleicht ist genau das die tiefste Diagnose unserer Gegenwart: Junge Menschen tragen das Smartphone in der Hand und eine Wüste im Herzen. Sie leben unter Dauerbeschallung und leiden doch an Transzendenz-Entzug. Es fehlt nicht zuerst an Information. Es fehlt an Anbetung. Es fehlt an Gegenwart. Es fehlt an jenem Wasser, das nicht nur benetzt, sondern die Seele zum Leben bringt.
Wo bleibt die Schweiz?
Als Priester frage ich mich darum schon: Wo bleibt die Schweiz? Vielleicht gerade dort, wo sie sich allzu gerne eingerichtet hat – in einer höflichen Gottvergessenheit und einem liturgisch dekorierten Warteraum, die zwar niemanden verstört, aber auch kaum jemanden entzündet. Wir haben Sitzungen, Papiere, Pastoralräume und Kommunikationskonzepte. Doch junge Menschen suchen kein religiöses Wartezimmer. Sie suchen das Heilige.
Ein junger Mensch hält erstaunlich viel aus: Stille, Verbindlichkeit, ehrfürchtige Liturgie, längeres Schweigen, klare Predigt, Beichte, Anbetung. Was er kaum aushält, ist geistliche Blutarmut. Er merkt rasch, ob eine Pfarrei eine Tankstelle der Gnade ist oder bloss ein kirchlich dekorierter Aufenthaltsraum. Gerade deshalb ist die Beobachtung aus der Romandie so aufschlussreich: Die Verantwortlichen sagen selbst, dass diese Menschen nicht wegen der Kirche als Institution kommen, sondern weil sie sich von Christus gerufen wissen. Genau dort liegt die Lektion auch für uns. Junge Menschen wollen keine weichgespülte Wohlfühlpastoral. Sie suchen den Herrn.
Was sie suchen, heisst letztlich: Gnade
Hier liegt für mich der eigentliche Nerv der ganzen Sache. Junge Menschen suchen letztlich nicht ein religiöses Ambiente, keine kirchliche Folklore und keine spirituelle Kosmetik für angekratzte Biographien. Sie suchen – oft noch namenlos – Gnade. Der Katechismus sagt es glasklar: Der Mensch gelangt zur Seligkeit durch die Gnade Christi, die ihm Anteil am göttlichen Leben schenkt. Genau darum geht es. Gnade ist nicht Dekoration des Lebens. Sie ist Gottes Leben in der Seele. Sie heilt, ordnet, hebt empor und gibt dem Menschen jene Würde zurück, die ihm keine Ideologie, keine Party und kein Algorithmus geben kann.
Darum ist die Taufwelle in Frankreich auch geistlich so aufschlussreich. Sie zeigt, dass die Seele nicht tot ist. Sie war nur zugeschüttet. Paulus beschreibt Bekehrung mit einer Härte und Klarheit, die wir heute wieder hören müssen: „wie ihr euch von den Götzen zu Gott bekehrt habt, um dem lebendigen und wahren Gott zu dienen“ (1 Thess 1,9). Vielleicht geschieht genau das vor unseren Augen. Eine junge Generation beginnt zu merken, dass das grosse Versprechen unserer Zeit – Selbstverwirklichung ohne Gott – am Ende oft nur Sattheitselend und Seelenverdursten hervorbringt. Und weil die Seele nicht von Lärm lebt, sucht sie wieder Brot. Nicht irgendeines. Das Brot des Lebens.
Was wir in diese Woche hineinnehmen können
Nehmen wir uns deshalb für diese Woche etwas vor, das klein aussieht und doch Sprengkraft besitzt: Betreten wir früher als sonst eine Kirche. Knien wir nieder. Lesen wir langsam Psalm 42. Nennen wir dem Herrn den Namen eines jungen Menschen, der sucht, ringt, sich verrannt hat oder innerlich längst am Verdursten ist. Und bitten wir nicht zuerst um mehr kirchlichen Betrieb, sondern um Gnade.
Vielleicht beginnt die Erneuerung der Schweiz nicht mit dem nächsten Papier, dem nächsten Projekt oder der nächsten frommen Verpackung. Vielleicht beginnt sie dort, wo wieder eine Seele ehrlich vor Gott steht und sagt: Herr, zieh mich heraus aus aller Innerlichkeitsdürre und führe mich zu dir. Denn wo Gnade einzieht, hört Kirche auf, Kulisse zu sein. Dann wird sie wieder Feuerstelle. Und genau danach suchen junge Menschen – vielleicht viel mehr, als wir selber noch glauben.
One Response
Das ist es. Jesus Christus, Ben David, hat mir meine Würde zurückgegeben. Ich habe es nicht verdient (Wie auch?). Und trotzdem tat er es. Ich bin soooo dankbar. Gelobt sei Jesus Christus.