Wer bin ich, bevor ich «Ich» sagen kann?

Über Trisomie 21, Menschenwürde und das Lebensrecht ungeborener Kinder

Erdbeeren für eine ganze Wohngruppe vorzubereiten, kann eine anspruchsvolle Aufgabe sein. Besonders dann, wenn der Küchenhelfer das Dessert schon während der Zubereitung für eröffnet erklärt.

Während meiner Ausbildung zum Pflegefachmann durfte ich in einer Wohngruppe der SSBL im Kanton Luzern arbeiten. Dort werden Menschen mit geistigen und mehrfachen Behinderungen begleitet. Wir kochten oft gemeinsam. Einer der Bewohner hatte Trisomie 21, das Down-Syndrom. Nennen wir ihn Lukas. Er mochte alles, was rot war. Bei Erdbeeren kam praktischerweise noch dazu, dass sie süss waren. «Lukas macht das gut», erklärte er beim Vorbereiten des Desserts. Eine Erdbeere kam in die Schüssel, die nächste nahm eine Abkürzung. «Lukas hat das sehr gerne.» Das war schwer zu übersehen. Als ich ihn daran erinnerte, dass die anderen auch noch Dessert möchten, kam die Antwort: «Lukas schaut, ob sie gut sind.» Nun, an gründlicher Prüfung sollte es an diesem Tag jedenfalls nicht fehlen. Ich musste nur noch schauen, dass etwas zum Servieren übrig blieb.

Es war eine wunderschöne Zeit. Ich durfte Menschen begleiten, von denen jeder seine eigene Geschichte und seine ganz unverwechselbare Persönlichkeit hatte. Lukas sprach immer wieder so von sich: «Lukas liebt das.» «Lukas macht das gut.» Er gebrauchte seinen Namen, wo wir gewöhnlich «Ich» sagen. Und niemand in dieser Küche wäre auf die Idee gekommen, deshalb sein Personsein infrage zu stellen.

Menschenwürde braucht keinen Leistungsausweis

Doch genau darüber lohnt es sich nachzudenken. Wie viele richtige Sätze muss ein Mensch bilden können, damit wir ihn als Person anerkennen? Braucht es zuerst einen bestandenen Sprachtest? Natürlich nicht! Auch ein kleines Kind, das sich beim eigenen Namen nennt, ist längst jemand. Das Wort «Ich» bringt den Menschen, der es ausspricht, nicht erst hervor.

Dabei lässt die Art, wie jemand spricht, allein noch keinen Schluss darauf zu, wie er sich selbst wahrnimmt. Aber selbst wenn ein Mensch seine eigene Existenz nicht gedanklich erfassen könnte: Wem stünde es zu, ihm deshalb seine Würde abzusprechen?

Wir alle waren schon jemand, bevor wir sagen konnten, wer wir sind.

Und wie viele Zellen braucht es, damit dieses Jemandsein zählt? Eine, tausend, eine Million? Mit der Befruchtung beginnt die Entwicklung eines neuen menschlichen Organismus. Bereits im Stadium der befruchteten Eizelle, der Zygote, ist seine Würde zu achten. Wer diesen Anfang als blossen «Zellhaufen» abtut, verwechselt die Grösse eines Menschen mit seinem Wert. Menschenwürde wächst nicht mit der Zahl unserer Zellen.

Die Frage ist also, woran wir unser Menschsein festmachen. An der Intelligenz? An der Selbständigkeit? Am bewussten Nachdenken über uns selbst? All das kann sich entwickeln, eingeschränkt sein oder verloren gehen. Wenn daran unsere Würde hinge, würden wir sie ausgerechnet dann verlieren, wenn wir am meisten auf andere angewiesen sind. Was für ein merkwürdiger Schutz des Menschen wäre das!

Der christliche Glaube führt uns hier zu unserem Ursprung. Der Mensch ist von Gott geschaffen, nach seinem Bild und zur Gemeinschaft mit ihm berufen. Das gilt für den Professor ebenso wie für Lukas, für den selbständigen Erwachsenen ebenso wie für das Kind im Mutterleib. Gottes Ebenbildlichkeit lässt sich nicht mit einem Intelligenztest vermessen. Gott liebt einen Menschen schon, bevor dieser seine Liebe verstehen und erwidern kann. Darin liegt auch eine befreiende Wahrheit für uns selbst: Wir müssen uns unser Dasein vor Gott nicht erst verdienen.

Trisomie 21: Mehr als eine Diagnose

Das wird für mich gerade in Begegnungen mit Menschen mit Trisomie 21 immer wieder erfahrbar. Ich darf auch Familien besuchen, in denen Menschen mit Down-Syndrom leben. Und ja, ich freue mich auf diese Besuche! Da begegnet mir oft eine tiefe Ausstrahlung von Liebe, von Freude und einer Leichtigkeit, die uns mit unseren vielen Sorgen manchmal abhandenkommt. Solche Menschen sind ein kostbarer Schatz für eine Familie und für unsere Gesellschaft. Wobei sie auch schlechte Tage haben dürfen. Niemand ist dazu verpflichtet, als Sonnenschein durch das Leben zu gehen, damit die anderen seine Existenz gutheissen. Niemand muss zuerst unser Leben bereichern, um ein Recht auf sein eigenes zu haben.

Umso schmerzhafter ist die Frage, was geschieht, wenn eine vorgeburtliche Diagnose von Trisomie 21 zum Grund wird, einem Kind das Weiterleben zu verwehren. Was wissen wir dann über diesen Menschen? Wir kennen einen Befund. Seine Persönlichkeit, seine Geschichte, die Begegnungen, die durch ihn möglich würden, kennen wir noch nicht. Wie glaubwürdig ist unser Reden von Inklusion, wenn wir das Lebensrecht eines Menschen von seinen Voraussetzungen abhängig machen?

Für das ungeborene Leben einstehen

Papst Franziskus sagte dazu unmissverständlich: «Ein Baby aus dem Schoss seiner Mutter wegzunehmen ist Mord, denn es gibt da ein Leben.» Das ist ein schweres moralisches Urteil über die Tat. Das fünfte Gebot «Du sollst nicht töten» gilt vom Beginn des menschlichen Lebens bis zu seinem natürlichen Tod. Die Wehrlosigkeit eines Menschen kann niemals ein Grund sein, ihm das Lebensrecht abzusprechen. Sie verpflichtet uns umso mehr, ihn zu schützen.

Ich denke dabei an Lukas. Wie wenig hätte ich von ihm gewusst, wenn ich nur seine Diagnose gekannt hätte! Und genauso wenig wissen wir von jenem Kind, das noch verborgen im Mutterleib heranwächst. Es kann sich nicht erklären oder verteidigen. Es ist auf Menschen angewiesen, die für sein Leben einstehen.

Das verlangt auch, die Eltern mit ihren Ängsten ernst zu nehmen. Ein Kind mit oder ohne Behinderung grosszuziehen kann viel Kraft kosten. Doch die Not der Eltern hebt das Lebensrecht des Kindes nicht auf. Abtreibung kann deshalb nie die Lösung sein. Wer zum Leben ermutigt, soll darum auch bereit sein, konkret mitzutragen, Angehörige zu entlasten und verlässlich an ihrer Seite zu bleiben. Unsere Bereitschaft zur Hilfe darf nach der Geburt nicht aufhören.

Diesen Samstag, am 19. September 2026, findet um 15 Uhr auf dem Marktplatz in Zürich-Oerlikon der Marsch fürs Läbe statt. Ich würde mich freuen, euch dort zu sehen und gemeinsam mit euch für das ungeborene Leben einzustehen. Für jene, die selbst noch kein «Ich» aussprechen können und doch schon jemand sind.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Frankreich kniet. Und wir?

Der Tod auf Rezept – und die Einsamkeit bleibt unbehandelt

Warum die Kirche ihre Gaben neu entdecken muss