Ziteil: Gib Gott den Schlüssel

Hinaufsteigen in die Kühle Gottes

Nach den hitzigen Tagen im Unterland war der Weg nach Ziteil fast schon eine kleine Befreiung. Unten hatte das Thermometer an manchen Orten gegen die 40 Grad gekratzt, und dann dieser Aufstieg in die Höhe: klare Luft, kühlere Temperaturen, ein weiter Himmel. Mit einer kleinen Gruppe von knapp 40 Personen, vielen Familien und Kindern, machten wir uns auf den Weg zum höchstgelegenen Maria-Erscheinungsort der Welt. Wallfahrtsorte gibt es höhere, aber als Maria-Erscheinungsort bleibt Ziteil einzigartig.

Natürlich war es keine Hochleistungstour. Kinder gehen anders. Sie brauchen Pausen, entdecken Steine, stellen Fragen, bleiben stehen, lachen, werden müde und gehen dann doch wieder weiter. Gerade darin lag etwas sehr Schönes. Diese Wallfahrt war kein frommer Leistungsausweis, sondern ein gemeinsames Hinaufsteigen vor Gott. Und vielleicht ist genau das schon ein Bild für den Glauben: Wir kommen nicht immer schnell voran, aber wir gehen miteinander, Schritt für Schritt, getragen von der Gnade.

Gastfreundschaft auf über 2400 Metern

Oben wurden wir in der Pilgerherberge von Kustos und Domherr Paul Schlienger und seinem Team wunderbar aufgenommen. Wer schon einmal in Ziteil war, weiss: Das ist nicht einfach eine Mahlzeit. Das ist Gastfreundschaft mit Herz, auf über 2400 Metern. Die traditionsreiche Bündner Gerstensuppe hätte eigentlich schon genügt. Danach kamen Polenta mit Geschnetzeltem und Pilzrahmsauce, und zum Schluss noch ein feines Mousse. Auch das Frühstück am Sonntag hätte eigene Sterne verdient.

Ich musste dabei an die Lesung denken, über die ich am Samstag gepredigt habe: die Frau von Schunem, die den Propheten Elischa nicht nur bewirtet, sondern ihm ein Zimmer bereitet. Nicht bloss etwas Brot und eine höfliche Geste, sondern Raum. Ein Bett, einen Tisch, einen Stuhl und einen Leuchter. Sie gibt dem Gottesmann sozusagen den Schlüssel zu ihrem Haus.

Gott will nicht nur Gast sein

Genau hier beginnt die tiefere Frage. Wie ist das bei uns? Darf Gott in meinem Leben nur kurz ins Wohnzimmer? Am Sonntag vielleicht, während die anderen Räume verschlossen bleiben? Die Küche mit meinen alltäglichen Gewohnheiten? Der Keller mit alten Verletzungen? Die verborgene Box mit Dingen, an die niemand rühren soll?

Jesus sagt: „Wenn jemand mich liebt, wird er an meinem Wort festhalten; mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen.“ (Joh 14,23) Das ist nicht fromme Dekoration. Das ist die Mitte unseres Glaubens. Gott will nicht bloss zu Besuch kommen. Er will Wohnung nehmen. Er will nicht nur Gastrecht, sondern den Schlüssel.

Und doch verstehen wir dieses „Gott will mehr“ oft falsch. Wir meinen dann: mehr beten, mehr fasten, mehr leisten, mehr schaffen. Aber zuerst geht es nicht um Leistung, sondern um Empfang. Gott will mehr, weil er uns selber will. Er will unser Herz, nicht unsere religiöse Selbstoptimierung.

Die Taufgnade ist kein Schönheitsfilter

Hier liegt die grosse sakramentale Logik unseres Glaubens: Zuerst handelt Gott, dann antwortet der Mensch. In der Taufe wurden wir nicht einfach etwas frömmer gemacht. Wir wurden Christus einverleibt. Der alte Mensch, der sich selbst gehört, wurde in den Tod Christi hineingenommen, damit der neue Mensch aus Christus lebt. Paulus sagt: „Wisst ihr denn nicht, dass wir alle, die wir auf Christus Jesus getauft wurden, auf seinen Tod getauft worden sind?“ (Röm 6,3)

Darum ist christliche Moral nicht zuerst ein Katalog von Verboten. Sie ist die Entfaltung einer Identität, die wir schon empfangen haben. Wenn ich wirklich aus Christus lebe, dann kann ich nicht einfach lügen, stehlen, hassen oder mich selbst zum Mittelpunkt machen, ohne gegen das zu leben, was ich in der Taufe geworden bin. Die Gebote sind nicht der Versuch Gottes, uns klein zu halten. Sie sind die Architektur des neuen Lebens.

Die heilige Elisabeth von der Dreifaltigkeit hat das tief verstanden. Als Kind hörte sie sinngemäss über ihren Namen: Du bist Haus Gottes. Diese Wahrheit wurde zu ihrer Berufung. Nicht ein schöner Gedanke für ein Andachtsbild, sondern ein Leben: Gott wohnt in mir. Mein Herz ist kein Abstellraum, sondern ein Tempel.

Der Becher Wasser verrät das Herz

Am Abend feierten wir die heilige Messe. Danach gab es Anbetung, und auch das Sakrament der Versöhnung wurde rege genutzt. Gerade dort wurde sichtbar, was eine Wallfahrt wirklich ist: nicht nur ein Weg zu einem heiligen Ort, sondern ein Weg, auf dem Gott in die verschlossenen Räume unseres Herzens eintreten will.

Am Sonntag wurde dann die Saison in Ziteil eröffnet. Nach der Pilgermesse und dem wunderbaren Frühstück brachen wir wegen der Gewittertendenzen frühzeitig auf. So waren wir bereits gegen halb eins wieder beim Parkplatz. Der kühle Abend zuvor, die Freude der Kinder, die Stille der Anbetung, die Beichte, das gemeinsame Essen, das Lachen und die Bergluft: All das fügte sich zu einem gnadenreichen Wochenende.

Und doch bleibt am Schluss nicht einfach die Erinnerung an ein schönes Erlebnis. Es bleibt die Frage Jesu. „Und wer einem von diesen Kleinen auch nur einen Becher frisches Wasser zu trinken gibt, weil es ein Jünger ist – amen, ich sage euch: Er wird gewiss nicht um seinen Lohn kommen.“ (Mt 10,42)

Der Becher Wasser ist die Prüfung. Wir träumen oft von grossen Opfern und heroischer Nachfolge. Aber das Kreuz kommt meistens im Kleinformat: eine Unterbrechung, ein schwieriger Mensch, ein müdes Kind, ein geänderter Plan, ein Moment, in dem ich mich ärgern könnte und stattdessen segnen soll. Genau dort zeigt sich, wer in meinem Haus wohnt.

Ziteil war schön. Mehr noch: Es war gesegnet. Aber der eigentliche Abstieg beginnt erst jetzt, im Alltag. Dort wird sich zeigen, ob Christus nur ein Gast auf unserer Wallfahrt war – oder ob er wirklich den Schlüssel bekommen hat.

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